Brief an "Matthias Sammer"
Sehr geehrter Matthias Sammer,
ich befürchte, dass Sie täglich so viele Mails bekommen, dass das Anliegen eines Jugendtrainers eines winzigen Vereins in Nordhessen untergehen bzw. gar nicht beantwortet wird, ich will es aber wenigstens versucht haben.
Anlass ist ein Zeitungsartikel, der heute in der "Frankfurter Rundschau" auf der Sportseite erschienen ist, Thema: DFB möchte verbindlich die D-Jugend als 9er-Mannschaften spielen lassen. Grund: kleinere Spielfelder, mehr Ballkontakte pro Spieler, größerer Lerneffekt dadurch bzw. kleinere Tore für kleine Torhüter, während einige Vertreter von großen hessischen Vereinen der Meinung sind, dass die Akteure möglichst früh ans Großfeld gewöhnt werden müssen.
Für so kleine Vereine wie wir das sind, stellt sich die Situation zum Teil völlig anders dar. Ich gebe ihnen bei den Gründen, weshalb die Spielfelder verkleinert werden müssen, in allen Punkten recht. Gerade in den unteren Spielklassen rennen sich die Spieler auf dem großen Feld teilweise tot und bekommen doch minutenlang keinen Ball, was sich vielleicht beim Spielniveau von Teams wie Eintracht Frankfurt oder Rosenhöhe Offenbach nicht in der Form auswirkt, bei uns aber schon.
Die Umsetzung Ihres Anliegens trifft jedoch bei uns auf folgende Schwierigkeiten:
1. Die Anschaffung neuer Tore, die bei uns kaum ein Verein besitzt.
Wahrscheinlich werden Sie denken, die Anschaffung von Toren kosten ja nicht die Welt, den Aufwand werden die Klubs für den Spielbetrieb schon aufbringen
können. Der Demografische Wandel in ländlichen Regionen (Immer weniger Menschen, immer weniger Kinder) und dem Zwang zur Schaffung von Spielgemein- schaften macht es nötig, auf unterschiedlichen Dorfplätzen spielen zu müssen, so dass es für die meisten JGSs nicht damit getan ist, zwei Tore zu kaufen. Unsere Ver-
eine sind z.T. extrem klamm und die Neuanschaffungen sind für uns überhaupt keine Peanuts. Um eine Vorstellung über die Finanzsituation zu geben: In den ersten vier Jahren musste ich als Trainer von F- und E-Jugend mit einem Jahresetat von 100 Euro
auskommen.... Ein Jugendtrainer ist daher nicht nur Jugendtrainer sondern gleichzeitig Privatsponsor seines Teams.
2. Das Abkreiden.
Sie können sich natürlich fragen, was soll ich mich als Sportdirektor des DFB auch noch mit dem Abstreuen von Spielfeldern kleiner Vereine beschäftigen? Es ist vor Ort jedoch ein ständiger Herd von Auseinandersetzungen mit den Teams von 1. und 2. Mannschaft, wenn am Sonntag dann irgendwelche Querlinien bestehen, die auch viele Schiedsrichter dann bemängeln. Im übrigen ist es so, dass wir überhaupt froh sind, wenn jemand zu finden ist, der abstreut. Oft muss auch das der Jugendtrainer selbst machen. Bei 7er Teams (quer, eine Platzhälfte) besteht das Problem nicht.
3. Das Zusammenstellen von Teams
Bei uns auf dem Land gibt es teilweise so wenig Mannschaften, dass wir sehr weite Strecken in Kauf nehmen müssen, wenn wir zu Auswärtsspielen fahren. Wenn uns nun die Möglichkeit, 7er-Teams zu bilden genommen wird, werden es noch weniger. Im Moment sind Fahrstrecken von bis zu 100 km im unteren Jugendbereich nicht selten, so dass wir oft Mühe haben, Fahrer bei den Eltern zu finden, ganz abgesehen von den Fahrtkosten der Betreuer selbst. Wir haben nicht selten die Situation, dass sehr gute Jahrgänge nicht in die höhere Spielklasse aufsteigen können, weil es den
kleineren Vereinen nicht möglich ist, den Transport der Teams über so große Strecken zu managen.
Ich möchte aber nicht nur reklamieren und kritisieren, sondern auch einen Lösungsvorschlag machen, und der ist m.E. auch sehr einfach:
Die Beibehaltung der Bildung von 7er-Mannschaften.
Vorteile liegen auf der Hand:
- viel Ballkontakte, schnelles Spiel, viele Tore und damit Erfolgserlebnisse (in Grunde all das, was in jeder Broschüre des DFB zum Jugendfußball steht)
-geringere Neigung, "Positionsidioten" heranzuziehen, die z.B. immer nur auf der linken Verteidigungsposition warten und nicht wirklich im Spiel sind
- keine Umsetzungsprobleme für kleine Vereine, denn die Tore für 7er-Teams sind schon vorhanden
- mehr Teams, kürzere Fahrwege
- schmalere Spielfelder - bei 9er-Teams würden wir ja auf die gesamte Breite des Platzes spielen, der dadurch quadratisch wird
Es wird sicher auch da viele Vereine geben, die der Meinung sind, 11er-Teams wären da besser, aber verbleibende 6 Jahre zur Gewöhnung ans Großfeld halte ich für völlig ausreichend, zumal ich auch auf Kleinfeld taktisch anspruchsvoll spielen lassen kann und das individuelle Können durch die vielen Ballkontakte fördere.
Ich hoffe, dass einige meiner Argumente überzeugend genug sind, denn Sie sehen, dass ich in der Grundeinstellung mit Ihnen völlig übereinstimme, dass aber bei der Umsetzung wie so oft die kleineren Vereine übersehen werden und vielleicht auch von den Landesverbänden nicht in ausreichendem Maße vertreten werden, denn auch die Zentrale des Hessischen Fußballverbandes liegt in Frankfurt, wo günstigere Voraussetzungen vorherrschen.
Noch ein kleiner Hinweis, der zwar nur indirekt mit dem besprochenen Thema zu tun hat: Die Einnahmen des DFB über die Strafen von zu spät eingegangenen Ergebnismeldungen von Jugendspielen im Internet sorgen an der Basis immer wieder für große Empörung, und die Wichtigkeit, dass die Ergebnisse eines Jugendspieles der E-Jugend Kreisklasse Landkreis Hersfeld-Rotenburg eine Stunde später im Netz stehen müssen, auch wenn das gegnerische Team zu spät kommt und das Spiel später beginnt, trifft bei vielen Akteuren vor Ort auf völliges Unverständnis und wird so begriffen, dass "die von oben" einem auch noch da die Euros aus der Vereinstasche ziehen. Da wäre eine größerer Zeitkorridor (z.B. 24 Stunden statt 1 Stunde) gut, und zum anderen wäre die Rückführung dieser in der Gesamtheit sicher riesigen Summe, die der ohnehin reiche DFB auf diesem Weg einnimmt, in die kleinen Vereine fair.
So weit dieser kleine Beitrag von "ganz unten" innerhalb der deutschen Vereinslandschaft. Falls in irgendeinem Zusammenhang (Diskussion, öffentliche Veranstaltung) Bedarf besteht, einen Vertreter auf unterster Ebene dabei zu haben, würde ich mich gerne zur Verfügung stellen.
Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen, auch wenn ich ganz ehrlich gesagt nicht so sehr damit rechne.
Ich verbleibe mit herzlichen und sportlichen Grüßen
Johannes Lutz
-Jugendbetreuer JSG Alheim-
Zum Ried 1
36211 Alheim
(C) FC 1928 Heinebach e.V. - In der Lücke 10- 36211 Heinebach








